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Von achtsamen Marketing, Social-Media-Hustle, FOMO und Selbstfürsorge als Selbstständige – Interview mit Rini Pegka

Im Rahmen einer neuen Interview-Reihe für diesen Blog habe ich ein kurzes Interview geführt mit Rini Pegka, bei dem es um das große Thema “achtsames Marketing” ging.

Rinis Herz schlägt für ein achtsames und stressreduziertes Leben. Sie ist zwischen den Welten des Marketings und der Achtsamkeit unterwegs als Coach, Beraterin und Kreative – die beiden Welten verbindet sie im Rahmen der digitalen Achtsamkeit. 

Rinis erstes Buch “Digitale Achtsamkeit für Selbstständige” wurde vom Selfpublisher Verband für den Buchpreis 2023/24 nominiert und liegt aktuell auf meinem Lesetisch :). Mehr zu Rini und liest du im letzten Abschnitt. Viel Spaß und wertvolle Einblicke!

achtsames Marketing Rini Pegka
achtsames Marketing

Was heisst achtsames Marketing für dich Rini?

Achtsames Marketing ist für mich in erster Linie ein Marketing, das auf die Persönlichkeit, die Werte, den Lebensstil, die Erwartungen und Ziele des jeweiligen Selbständigen abgestimmt ist.

Insofern ist achtsames Marketing immer individuell und kein "one size fits all". Was Achtsamkeit im Marketing aber ausmacht, ist eben der bewusste und respektvolle Umgang mit den eigenen Ressourcen wie Zeit, Energie und Finanzen, aber auch mit der Umwelt - hier kommen Begriffe wie Nachhaltigkeit und Ethik ins Spiel.

Wichtig ist auch: Gerade weil wir, wenn wir unser Marketing in der Selbstständigkeit achtsam umsetzen, oft reflektieren, sind die Strategie und die damit verbundenen Aktivitäten nicht in Stein gemeißelt, sondern dynamisch und anpassungsfähig.

Was uns heute gut tut und uns Kunden und Umsatz bringt, kann morgen schon ganz anders aussehen - vor allem im Online-Business, wo sich vieles sehr schnell und oft ändert. 

Was passiert mit Unternehmer/innen und Selbständigen, wenn sie unbewusst in den Social Media Hustle gelangen?

Social Media versprechen uns die Umsetzung unserer Unternehmensziele ohne die hohen finanziellen Kosten der Vergangenheit, ohne Zwischenhändler und damit eine bessere Kontrolle über unser Handeln und eine direkte und transparente Kommunikation mit unserer Zielgruppe - und das alles vermeintlich kostenlos!

Das klingt doch nicht schlecht, oder? Das Problem ist jedoch, dass sich viele Selbstständige in diesen Online-Hype unreflektiert hineinstürzen, ohne überhaupt einen Plan zu haben, welche Medien und die damit verbundenen Aktivitäten für sie und ihr Unternehmen sinnvoll und zielführend sind.

Die Gründe, warum wir uns oft unreflektiert dem Social-Media-Zirkus hingeben, sind eigentlich oft rein psychologischer oder auch soziologischer Natur - allen voran natürlich FOMO, der Gruppenzwang und der soziale Druck, der Vergleich mit anderen Selbständigen etc. In meinem Buch "Digitale Achtsamkeit für Selbstständige" habe ich diesem Teil ein ganzes Kapitel gewidmet.

Wenn wir also unbewusst in den Social-Media-Hustle einsteigen, übersehen wir die "Kosten", die nebenbei entstehen: Viel Zeit- und Energieaufwand für einen geringen und oft sogar negativen ROI (Return On Investment), der vielleicht bei anderen Marketingaktivitäten bessere Früchte getragen hätte.

Ganz zu schweigen von der Belastung unserer Gesundheit, sowohl psychisch als auch physisch. Ich bin natürlich nicht die Einzige, die über die negativen Auswirkungen von Social Media auf unsere mentale Gesundheit berichtet, es gibt Bücher, Studien, Umfragen, Dokus - Fakten und Zahlen, die einen eindeutigen Zusammenhang belegen können. 

Und mal ehrlich, wir brauchen keine wissenschaftlichen Beweise, um zu verstehen, wie sich Instagram, TikTok und Co. negativ auf unsere Psyche auswirken: Es gibt kaum jemanden, vor allem unter uns Selbstständigen, der das Gefühl von Abhängigkeit, Konzentrationsschwäche, FOMO oder nicht entspannen können noch nicht am eigenen Leib erfahren hat. Wenn der erste und letzte Blick des Tages auf Instagram fällt, haben wir ein Problem.

Wo braucht es Veränderungen, wenn sich jemand von Social Media und dem Online Marketing-Hustle verabschieden möchte?

Veränderungen können nur stattfinden, wenn wir uns eines Themas oder Problems bewusst werden. Hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel. In meinem Buch erläutere ich die "Big Five", wie ich sie nenne, des achtsamen Social Media Marketings. An erster Stelle steht die Selbstreflexion. Damit fängt für mich immer alles an. 

In der achtsamen Selbstreflexion (und dafür gibt es in dem entsprechenden Kapitel Journaling-Fragen) können wir erkennen, was in unserem Marketing bisher gut gelaufen ist und ob es uns damit auch emotional gut geht - oder eben nicht.

Wenn wir erkennen, dass uns Social Media a. nicht gut tut und/oder b. auch unternehmerisch nichts gebracht hat, können wir Veränderungen einleiten. Unsere Ziele, Angebote, Zielgruppe noch einmal überprüfen, unsere Strategie und Taktik anpassen und abwägen, welche anderen Marketingmaßnahmen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetzen wollen und können.

Ich schreibe zum Beispiel gerne - und meine Texte scheinen auch anderen zu gefallen. Also setze ich in meinem Marketing auf das geschriebene Wort, was sich für mich in SEO-Maßnahmen auf meinem Blog und Podcast, aber auch in der Pflege eines regelmäßigen Newsletters niederschlägt. 

Das alles klingt kompliziert, ist aber letztlich ganz einfach: Mehr von dem, was ich gut kann, was Spaß macht und gut ankommt (aka Conversions), weniger (oder gar nicht mehr) von allem anderen. Und immer wieder einchecken: mit uns selbst, aber auch mit den Zahlen unseres Business. 

Das sind Veränderungen, die in der praktischen Umsetzung passieren. Aber ihnen gehen auch Veränderungen in der Art und Weise voraus, wie wir uns in diesem Prozess begegnen - und hier helfen Achtsamkeit und ihre Prinzipien enorm. Wenn wir in einem ehrlichen Dialog mit uns selbst sind und uns mit Akzeptanz, Selbstliebe und Neugier begegnen, erkennen und verstehen wir auch die Muster unseres eigenen Verhaltens und Handelns besser:

Warum "hänge" ich immer noch an Instagram, obwohl es weder mir noch meinem Business gut tut? Welches Gefühl, welches Bedürfnis wird durch dieses Verhalten befriedigt bzw. was verbirgt sich hinter dieser Abhängigkeit? Dieses Erforschen und Entdecken kann und darf dauern. Und wenn es jemandem Angst macht, ohne Social Media zu leben, dann kann man sich langsam und Schritt für Schritt davon "lösen". Achtsames Social Media Marketing, wie ich es im Buch beschreibe und auch selbst lange praktiziert habe, kann ein Anfang sein.

digitale Achtsamkeit

Was wäre dein Go-To Tipp, wenn jemand mit seiner Selbständigkeit z.B. als Dienstleister/in, Berater/in oder Coach noch am Anfang steht, aber nicht den klassischen Reichweitenaufbau über Social Media Kanäle machen möchte, um Kunden zu gewinnen?

In diesem Fall gleich zwei Tipps: 

Als erstes sollte man sich um eine Website kümmern. Ich liebe Websites und was sie fürs Business tun können. Sie sind unser Online-Zuhause und sie gehören uns (soweit uns etwas Digitales gehören kann)! Ganz im Gegensatz zu Social Media, wo eine Online-Präsenz auf fremdem Boden aufgebaut wird. 

Mit einer stimmigen und optimierten Website sorgen wir dafür, dass wir online und über unsere Inhalte (Blog, Podcast) gefunden werden - und zwar unabhängig von den Launen der Social-Media-Algorithmen. Meine große Liebe zu Websites ist auch der Grund, warum ich sehr selektiv auch Websites für andere erstelle (maximal ca. sechs Projekte pro Jahr) - auf Squarespace, im Rahmen eines achtsamen Webdesigns.

Die Online-Sichtbarkeit über die eigene Website braucht zwar etwas länger, um in Schwung zu kommen, bringt aber langfristig die besseren und nachhaltigeren Ergebnisse, also am besten so früh wie möglich damit anfangen!

Das zweite ist das gute alte Netzwerken - online wie offline. Das kann eine Vielzahl von Maßnahmen sein: Teilnahme an Veranstaltungen (als Gast oder Referent), eigene Veranstaltungen organisieren, Gastauftritte in Podcasts, Blogs, Newslettern, Kursen. und Workshops usw. 

Und am Anfang kann es auch ganz einfach sein. Viele vergessen die direkte Kommunikation (per E-Mail oder ganz altmodisch per Telefonanruf) mit den bestehenden Kontakten aus dem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis: Einfach mitteilen, dass man jetzt selbstständig ist, was man anbietet und wie man arbeitet. 

Wie gelingt Online-Sichtbarkeit, ohne auszubrennen?

Du ahnst es schon: Mit viel Achtsamkeit und Selbstfürsorge 🙂 Eben mit viel Reflexion über all die Punkte, die wir schon erwähnt haben. Ich denke, viele von uns beschäftigen sich 95% des Tages mit Marketing, anstatt mit dem Business an sich oder mit den eigenen Interessen und der eigenen Entwicklung - so entsteht eine Art Pseudo-Produktivität, die aber auf Dauer nur bedingt effizient ist.

Wenn wir die Maßnahmen, die wir als für uns passend und zielführend definiert haben, in eine regelmäßige Routine überführen, die wir wöchentlich für einen bestimmten, geplanten Zeitraum durchführen (und unbedingt in den Kalender eintragen!), schützen wir uns weitestgehend selbst vor dem Burnout. Wir sind doch nicht selbstständig geworden, um von einem Hamsterrad ins nächste zu fallen, oder?

Zeitmanagement, oder wie ich es lieber nenne, Energiemanagement, spielt eine große Rolle und die Art und Weise, wie wir arbeiten und auch, wie wir Produktivität und Erfolg definieren. Wie viel Umsatz brauche ich, um zu überleben? Und wie viel will ich, um mir ein gutes Leben und eine gute Zukunft zu ermöglichen? Wie und wann kann ich das mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen erreichen und was ist der erste Schritt, den ich heute dafür tun kann? Und: Wann ist genug, genug? Was bedeutet Erfolg für mich überhaupt? 

Ich arbeite zum Beispiel gerne zyklisch und respektiere dabei meinen monatlichen Zyklus als Frau und folge auch gerne dem Rhythmus der Jahreszeiten - das ist vielleicht nicht für jeden etwas, aber in meiner Art von Selbstständigkeit machbar: Ich gebe eher von Frühling bis Herbst Gas und nutze den Winter zum Zurückziehen, Nachdenken und Vorbereiten. 

To-do-Listen gibt es bei mir auch nicht - ich teile mir Zeitblöcke ein (Time-Block-Planning) und habe nur eine bestimmte Anzahl von Projekten, an denen ich parallel arbeite. Mehr dazu habe ich auch im letzten Kapitel des Buches geschrieben, das ich auch in einen Audiokurs umgewandelt habe, um die praktische Umsetzung meiner Empfehlungen zu unterstützen.

Dinge, die für mein persönliches Wohlbefinden wichtig sind, wie z.B.: Bewegung, Schreiben, Lesen, Malen, Stille und Raum und Zeit zum Denken trage ich immer zuerst in meine Zeitplanung ein, alles andere kommt danach. Das klappt nicht immer perfekt, aber meistens ganz gut, so dass ich nicht "am Rad drehe" oder das Gefühl habe, mich und meine Gesundheit oder Kreativität zu vernachlässigen - beides Werte, die mir in meinem Leben sehr wichtig sind. 

Wer ist Rini Pegka?

Ich bin Rini Pegka und mein Herz schlägt für ein achtsames und stressreduziertes Leben, das ich in meinen Coachings, meinem Blog, meinem Podcast "Ausgesprochen achtsam" und meinen Büchern und Kursen weitergebe.

Ich bin studierte Biologin, doch mein Weg führte mich schnell in die Welt des Marketings und Social Media, in der ich über 20 Jahre Erfahrung sammeln konnte. Mit meinen zwischenzeitlichen Ausbildungen zum Achtsamkeitscoach, zur Atemtrainerin, Meditations- und Yogalehrerin verbinde ich beide Welten im Zeichen der digitalen Achtsamkeit.

Rini Pegka

In meinen Coachings unterstütze ich Frauen dabei, ihr Nervensystem und damit ihren Stress besser zu regulieren und mehr Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden - privat und beruflich. Außerdem habe ich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie absolviert, um mein Wissen zu erweitern und Menschen noch intensiver in ihrer seelischen Gesundheit zu unterstützen.

Im März 2024 ist mein zweites Buch im Eigenverlag erschienen: "Fünfzig: Lebenskreise - Ein Geburtstag in Gedichten", ein kleiner Gedichtband, der sich mit der Bandbreite menschlicher Emotionen beschäftigt und eine literarische Feier meines halben Jahrhunderts darstellt. Mein erstes Buch "Digitale Achtsamkeit für Selbstständige" wurde vom Selfpublisher Verband für den Buchpreis 2023/24 nominiert und schaffte es auf die Longlist (Top 10 aus ca. 210 Einsendungen).